Gustav-Adolf-Werk Kurhessen-Waldeck e.V.

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Ins Gespräch vertieft
18.05.2017

Europaforum der EKHN und EKKW am 13. Mai 2017 in Gießen

„Populismus als weltweiter Trend. Unsere osteuropäischen Nachbarn – was sprechen die über den europäischen Traum?" Ein spannendes Thema, zu dem die beiden Kirchen in Hessen eingeladen hatten.

Mit Prof. Dr. Hans-Jürgen Bömelburg (Universität Gießen) konnte ein profunder Kenner der politischen und gesellschaftlichen Situation in den osteuropäischen Ländern Polen und Ungarn gewonnen werden. Ausgehend von den „Römischen Verträgen", die vor 60 Jahren geschlossen wurden und sozusagen den Grundstein für ein gemeinsames ‚Haus Europa' gelegt haben, zeigte der Referent Gründe für einen stark wachsenden Nationalismus in diesen Ländern auf.

Die Zuhörenden wurden auf einen historischen Exkurs mitgenommen. Warum wollen ost- und mitteleuropäische Länder keine Flüchtlinge mehr aufnehmen? Dies ist in der Tatsache begründet, dass diese Gesell-schaften- historisch gesehen- keine Erfahrung mit Minderheiten hatten. Hier liegt eine Erklärungs-möglichkeit für die heutige Ablehnung, so Prof. Dr. Bömelburg. Er sieht auch ein Versäumnis der Kirchen, die sich in den jeweiligen Ländern nicht bemüht hätten, eine Aufnahmekultur zu pflegen. Ausgenommen davon seinen einzelne Kirchengemeinden, die vor Ort Großartiges geleistet hätten.

Den starken Nationalismus in Osteuropa sehen wir Deutschen mit gemischten Gefühlen. Das ist historisch begründet. „Man müsste versuchen, Europa näher an die Menschen zu bringen." Grundlegende Prinzipien der europäischen Wertegemeinschaft, die auf Freiheit, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Toleranz und Solidarität beruhen, dürften nicht länger missachtet werden. Solange es in diesen Ländern Gegenbewegungen gibt, brauche man für die Demokratie nichts zu befürchten. Aus ihrem Heimatland Polen konnte Ewa Sliwka, Juristin und Leiterin der Bischofskanzlei der lutherischen Kirche in Warschau, viel Interessantes berichten. Man muss sich einmal bewusst machen, dass in Polen die größte Homogenität zwischen Nationalismus und Glaube besteht. Und damit steht Polen innerhalb Europas einzigartig da. 94% der Bevölkerung haben eine polnische Nationalität; und 87% bekennen sich zum Katholizismus.

Für polnische Politiker bildet die röm.-katholische Kirche das Fundament. Die 70 000 Mitglieder der lutherischen Kirche fallen da kaum ins Gewicht. Die polnische Gesellschaft befinde sich derzeit in einem Umbruch. Eine Schere zwischen den Bevölkerungsschichten, die viel haben und denjenigen, die am Existenzminimum leben, werde immer größer. Zu beobachten sei auch eine Entwicklung, dass gerade die junge Generation nationa-listischen Parolen gegenüber offen sei.

Nach ihrer Schilderung der derzeitige Situation in Polen hat Ewa Sliwka den Zuhörenden einen Appell mit auf den Weg gegeben: Wir brauchen Europa; wir hoffen auf Bewegungen, die Veränderungen ermöglichen. Und verliert bitte die Gemeinden nicht aus dem Blick. Diesen Appell konnten auch die Stipendiaten des GAW aus Leipzig Csongar Nagy (Ref. Kirche Rumänien) und Zsolt Erzse (Ev. luth. Kirche Rumänien) unterschreiben. Sehr engagiert haben die beiden Theologiestudenten die Situation in ihrer Heimat geschildert. Die Einschätzungen der jungen Erwachsenen, die einerseits ganz klar Defizite benennen konnten, die aber andererseits eine Chance für ihr Land und für Europa sehen, haben die Zuhörenden nachdenklich gestimmt. So hat das Europaforum Klärungshilfen zu einem schwierigen Thema aufgezeigt.

Während Prof. Bömelburg historische und gesellschaftliche Zusammenhänge erklärte, konnten Ewa Sliwka sowie Csongar Nagy und Zsolt Erzse aus ihrer Sicht die Situation in ihren Heimatländern und Heimatkirchen beleuchten. Als Fazit könnte man sagen: Eine offene Welt beginnt mit Aufgeschlossenheit. Eine Aufgabe, die noch nicht beendet ist. Ein besonderer Dank geht an Pfarrerin Birgit Hamrich, Referentin im Zentrum Oekumene der EKHN und EKKW, und an Dr. Julia Dinkel, vom Zentrum Gesellschaftliche Verantwortung der EKHN, für die hervorragende Planung und Durchführung des Europaforums 2017.


Ulrike Kany
Beauftragte für Öffentlichkeitsarbeit im GAW Kurhessen-Waldeck



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